Ein 17-jähriger tötet ehemalige Mitschüler, Lehrer und Passanten. Insgesamt 15 Tote. Die Frage nach dem Warum bleibt noch unbeantwortet und wird wohl auch nie vollständig geklärt werden können, auch wenn jetzt nach und nach mehr Informationen über den Täter bekannt werden.

Unbegreiflich ist gleichzeitig das Vorgehen der Medien in diesem Fall. Sensationsgierig wurde sich auf jede Spekulation gestürzt. Die berühmten „Killerspiele” sollten schon früh als Motiv herhalten. Zwischendurch wird das alte Material von Erfurt wieder herausgeholt und Bild stellt gleich ein Ranking auf.

Verlässliche Informationen zu bekommen war zunächst nicht einfach, da vieles nur Vermutungen waren und auf den meisten Kanälen am späten Nachmittag auch längst „Experten” über Gesetze, Computerspiele und dergleichen befragt wurden. Wirklich bescheid wusste ich erst nach der Pressekonferenz. Was daraus dann wieder gedeutet wurde, war meistens absolut nicht nachvollziehbar. Hauptsache man bringt alle zehn Minuten ein News-Update … vieles davon stellte sich später schlicht als falsch heraus.

Der Stern hat aber trotzdem noch Zeit, sich über twitter auszulassen. Zur Erinnerung (als ob man es vergessen könnte), dort sind Menschen grausam zu Tode gekommen und der Stern meint, dass es die richtige Situation sei, einen Feldzug gegen neue Online-Dienste zu führen. Deshalb schreibt man bei Spreeblick auch nicht zu unrecht über „Rotten Media”.
Eine Diskussion über den Nutzen oder Nicht-Nutzen solcher Dienste ist aber genauso unangebracht, wie manch vorschnelle Kritik an Reportern, die sich in der Hektik des Geschehens etwas in der Formulierung vertun.
Auch Lesenswertes in Hinblick auf den Umgang mit twitter bei Stefan Niggemeier und bei Don Dahlmann.

Nils Minkmar, Redakteur bei der FAS, stellt im Blog von Stefan Niggermeier die missliche Lage dar:

Man will das ausreißende Geschehen irgendwie rational oder moralisch einholen. Die Tat soll eine Botschaft, eine Lehre enthalten. Sie muss Gründe gehabt haben, jemand muss rote Ampeln überfahren haben — und wenn wir gedanklich an diese Weggabelung zurückkehren, dann ist es, als hätten wir es halb verhindert. Als könnte die Welt repariert werden.

In Wahrheit geht das nicht. Man kann nicht jedem seltsamen Teenager mit dem Amokpräventionskatalog begegnen. Man kann nicht jeden Ballerspieler und Soziopathen unter Beobachtung halten. Und mit welchem Recht? Die meisten sind völlig harmlose Zeitgenossen.

Zur gleichen Zeit beginnt das Abendprogramm im Fernsehen, natürlich sieht man kaum etwas, das nicht mit den Vorfällen von Winnenden in Verbindung steht. Es wird vor allem versucht die Tat zu erklären, ohne Wissen über die Person und ihre Hintergründe.
SternTV übergeht das Engagement von Tim K. im Tischtennisverein und versucht stattdessen die Tat in bekannte Muster zu drängen. So kommt man auch schnell zum Thema „Killerspiele”. Der jugendliche Interviewpartner sagt zwar, dass er den Täter nur „vom Sehen” gekannt habe, aber das reicht für ihn offensichtlich, um diesen als „verschlossenen Computerspielfreak” zu bezeichnen. Weiterhin sei er nicht aufgefallen und hätte eine Vorliebe für Horrorfilme. Wäre die Situation nicht so tragisch, könnte man über eine solche Berichterstattung nur lachen.
Aber die öffentlich-rechtlichen sehen an dem Abend nicht besser aus und diskutieren z.B. bei „Hart aber fair” völlig am Thema vorbei über gewaltverherrlichende Medien und dergleichen. Gesellschafts- oder Medienkritik Fehlanzeige. Die Diskussion wird genauso wie die restliche Medienlandschaft der Sache nicht annähernd gerecht. Auch auf Spreeblick wird die ARD Sendung rekapituliert und die abschließende Frage hat es in sich:

Wie laut muss man als Jugendlicher eigentlich sein, um gehört zu werden?
Noch lauter als eine Beretta?

Ich denke, wir stehen da vor einem Problem, das nicht einfach nur durch neue Gesetze und strengere Auflagen gelöst werden kann. Diese Erkenntnis ist noch bei zu wenigen gänzlich angekommen. Genauso wenig wie die Massenmedien ein Feingefühl für angemessene Berichterstattung besitzen.

Unfassbar.